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Gedenkveranstaltung des IAK am 25.1.2005 im Deutschen Theater Berlin
Rede von Kurt Julius Goldstein
Am 27. Januar 1945 erreichten die Soldaten der 100. Infanteriedivision
der 60. Armee der ersten ukrainischen Front die Todesfabrik Auschwitz.
Sie fanden dort vor, was menschliche Fantasie sich nicht ausdenken, bis
auf den heutigen Tag, 60 Jahre danach kaum begreifen kann.
Als sie am Nachmittag ins Lager kamen, fanden sie dort etwa 8000 zum Skelett
abgemagerter Häftlinge, Frauen, Männer und Kinder, Berge von
Leichen Verhungerter und von SS-Kommandos Erschossener.
In den Magazinen fanden die Soldaten 7000 kg Frauenhaar, 836 525 Frauenkleider,
438 820 Männeranzüge, Berge von Brillen, Gebissen, Wäsche,
Schuhe, Koffer und Kinderspielzeug. Der Goldschmuck, die Goldzähne,
die den Opfern nach der Ermordung ausgerissen wurden, landete gegen genaue
Abrechnung in den Tresoren der Reichsbank, soweit es nicht vorher von
SS-Banditen gestohlen wurde.
Die SS errichtete im Lager von seiner Gründung 1940 an, ein barbarisches,
verbrecherisches Unterdrückungssystem mit dem Ziel, jegliche Solidarisierung
zwischen den Häftlingen, jeglichen organisierten Widerstand zu unterbinden.
Doch das Gegenteil trat ein. Wie in allen KZ’s, Ghettos, Kriegsgefangenen-
und anderen Lagern bildeten sich Widerstandsorganisationen, meistens unter
der Leitung von Sozialisten und Kommunisten.
Die erste Widerstandsgruppe entstand 1940/41 aus polnischen Sozialisten
und Berufsoffizieren. 1942/43 bildeten sich in den verschiedenen Nationalitäten
Widerstandsgruppen, die sich nach Diskussionen um die „Kampfgruppe
Auschwitz“ zusammenschlossen.
Ihre Hauptaufgabe sah sie in der Sammlung von Informationen und Dokumenten
über die Verbrechen der Nazis und deren Übermittlung in die
freie Welt. Sie erreichten in London die polnische Exilregierung und den
britischen Regierungschef Churchill und in Washington den Präsidenten
Roosevelt.
Die herausragendste Widerstandsaktion war der Aufstand des Sonderkommandos
am 7. Oktober 1944. Mit Sprengkörpern, die sie von der Widerstandsgruppe
im Frauenlager erhalten hatten, konnten sie das Krematorium IV teilweise
sprengen. Nach dem Scheitern des Ausbruchs wurden fast alle Mitglieder
des Sonderkommandos von der SS umgebracht.
Im Ergebnis der sich ständig verschlechternden Lage an den Fronten
gab Himmler Anfang 1944 erste Anweisungen, die Spuren der unmenschlichen
Verbrechen zu beseitigen. In Auschwitz I wurde das alte Krematorium in
einen Luftschutzbunker umgebaut und vor allem die Todesmauer zwischen
Block 10 und 11 vernichtet, an der tausende Häftlinge erschossen
worden waren. Die Verlegung der nichtjüdischen Häftlinge in
KZ’s im Reichsinneren war eine Maßnahme im Hinblick auf das
vorherzusehende Ende des Lagers.
Im November befiehlt Himmler die Zerstörung aller Gaskammern und
Krematorien und sonstigen Verbrechensspuren.
Dass die Ermordung aller in Auschwitz, Birkenau, Monowitz und den anderen
Nebenlagern internierten jüdischen Häftlinge nicht stattfand,
haben die Erfinder der Endlösung wider Willen selbst in die Wege
geleitet. Auf Befehl Hitlers begann die Wehrmacht eine letzte Offensive
am 16. Dezember 1944 in den Ardennen. Es gelang zunächst, die alliierten
Truppen zu überraschen und zum Zurückweichen zu zwingen.
Das veranlasste den englischen Regierungschef Churchill, sich am 5. Januar
1945 in einem Telegramm an den sowjetischen Regierungschef Stalin mit
dem Ersuchen zu wenden, die für Anfang Februar vorgesehene Offensive
der Roten Armee vorzuziehen, um die Verbündeten in den Ardennen zu
entlasten. Das geschah. Die Weichsel-Oder-Offensive der sowjetischen Streitkräfte
war so wuchtig, dass die Lagerführung am 18. Januar in aller Eile
die Evakuierung der Lager anordnete. In Fußmärschen wurden
wir Häftlinge bei 10 bis 15 Grad Frost über tief verschneite
Straßen gen Westen getrieben. Wer nicht mehr mitmarschieren konnte,
wurde von den begleitenden SS-Leuten erschossen. Es wurde im Freien übernachtet.
Wer morgens beim Kommando „Antreten“ nicht mehr hochkam, wurde
erschossen. Das war der Todesmarsch vom Januar 1945.
Ich war in einer Kolonne, die beim Abmarsch von Jawischowitz ca. 3000
Mann stark war. Als wir am 22. Januar in Buchenwald registriert wurden,
waren wir nicht ganz 500 mehr tot als Lebendige.
Die kameradschaftliche, gerade liebevolle Weise, wie uns die Buchenwald-Capos
in den ersten Stunden behandelten, half uns ins Leben zurück. Dafür
sei ihnen gedankt.
Das ist jetzt 60 Jahre her. In Gedanken sind wir in diesen Tagen bei
den Frauen, Männern und Kindern, die für ewig in Auschwitz geblieben
sind.
Auschwitz mit seinen mehr als Eineinhalb Millionen Toten ist der größte
Friedhof in der ganzen Welt. Dort liegen Juden, Sinti und Roma, Polen,
Russen, Frauen und Männer des Widerstands aus allen Ländern
Europas.
Keiner hat einen Stein des Gedenkens. Die Nazis wollten, dass sie vergessen
werden. Wir haben die Pflicht, ihrer zu gedenken.
1995, anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung haben wir uns
von hier in Berlin aus mit dem „Ruf von Auschwitz“ an die
künftigen Generationen gewandt.
Mögen sie im Gedächtnis bewahren, dass Auschwitz durch die schier
unvorstellbare Grausamkeit der dort begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit
zu einem in aller bisherigen Menschheitsgeschichte einmaligen Verbrechen
geworden ist.
Mögen sie sich daran erinnern, dass die Nazis mit Auschwitz versucht
haben, ihren schändlichen Plan „Endlösung der Judenfrage“
und Vernichtung von Sinti und Roma zum Abschluss zu bringen, alle Oppositionellen,
die Angehörigen der europäischen Widerstandsbewegungen, die
Kämpfer für die Freiheit, in den von Hitlerdeutschland unterjochten
Ländern zu vernichten.
Mögen die künftigen Generationen aber auch daran denken, dass
mit der Niederlage des dritten Reiches die Naziideologie nicht verschwunden
ist, dass faschistische und neonazistische Bewegungen, Organisationen
und Parteien sich anschicken, neues Unheil über die Menschheit zu
bringen.
Um für ewige Zeiten, die vom Nationalsozialismus begangenen Verbrechen
gegen die Menschlichkeit zu bezeugen, muss Auschwitz erhalten bleiben.
Möge Auschwitz-Birkenau – Stätte des Völkermordes
an Juden, Slawen, Sinti und Roma und Widerstandskämpfern aus ganz
Europa ein Zentrum werden für internationale Begegnungen, das zur
Verständigung der Völker, zur Errichtung einer Welt mit mehr
Solidarität und Brüderlichkeit beiträgt, einer Welt, in
der überall die Menschenrechte geachtet werden, in der Frieden herrscht,
in der es nie wieder ein Auschwitz geben wird.
Gestatten Sie mir, meine Damen und Herren, noch etwas hinzuzufügen.
Wenn wir es heute erleben, dass in unserem Vaterland Nazis wieder in Parlamenten
sitzen, dass sie auf den Straßen demonstrieren, auch gegen den Wiederaufbau
einer Synagoge in Bochum, die von Nazis 1938 selbst zerstört worden
ist und dass das höchste Deutsche Gericht diese Aufmärsche zulässt,
weil es das Gut der Meinungsfreiheit höher setzt, dann sage ich:
Für uns ist all dies unerträglich, wir leiden darunter.
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