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Reden, weil die Worte fehlenvon Iris Hanika
Mehrere Botschafter waren anwesend und einige Abgeordnete, vor
allem aber eine Reihe Überlebender, denen es so über die
Maßen wichtig ist, von dem Ungeheuerlichen zu berichten, das
ihnen widerfahren ist, auf daß es sich nie wiederholen möge.
Zum Auftakt musizierte der begnadete junge Violinist Adam Musialski
aus Katowice, das 30 Kilometer nördlich von Oswiecim, wie Auschwitz
auf polnisch heißt, gelegen ist. Danach sprach als erster
Otto Schily, dessen Ministerium dieses Büro durch Förderung
ermöglicht hat. Der Innenminister sagte, es sei auch heute
noch keine Selbstverständlichkeit, daß das IAK sein Büro
in Berlin einrichtet, weswegen er das als ein "wichtiges Zeichen
des Vertrauens der Überleben" in das heutige pluralistische
Deutschland verstehe: "Seien Sie im demokratischen Berlin herzlich
willkommen." Und daß sich dieses Büro in der Gedenkstätte
Deutscher Widerstand befindet, freute ihn, weil dieser Ort daran
erinnert, "daß sich auch Deutsche, wenn auch viel zu
wenige", im Widerstand befanden. "Schuld vererbt sich
nicht, aber Verantwortung bleibt bestehen", sagte Otto Schily,
der sich zudem für die Erhaltung der Gedenkstätte in Auschwitz
aussprach, weil dort "die Bedeutung der Schoah als Zivilisationsbruch
sichtbar" werde. "Unsere Aufgabe ist es, den Opfern ihren
Namen und ihr Gesicht zurückzugeben und ihrer ehrend zu gedenken",
schloß er, und wie das ist, wenn die Opfer einen Namen bekommen,
merkte man gleich anschließend. Noach Flug nämlich, der Präsident des IAK, begrüßte
jeden der aus Polen, Deutschland, Israel, den Niederlanden, Belgien
und den USA angereisten Überlebenden einzeln. Er begrüßte
zum Beispiel Kazimierz Albin, der schon bald nach der Einrichtung
des Lagers im Frühsommer 1940 mit dem ersten Transport, aus
Tarnów, nach Auschwitz gekommen war und darum die sehr niedrige
Häftlingsnummer 118 bekam (und einer der wenigen ist, denen
die Flucht aus dem Lager glückte); den Schauspieler August
Kowalczyk, der ein Hospiz gegründet hat als "lebendes
Denkmal" für diejenigen Polen, die flüchtigen Häftlingen
geholfen haben (denn auch er konnte durch Flucht entkommen); Professor
Felix Kolmar aus Prag; das Ehepaar König aus Berlin (er stammt
aus Frankfurt am Main und erklärt sein Überleben mit "ich
habe das Glück gehabt, daß ich einen Metallberuf erlernt
hatte" - der nämlich brachte ihn ins Nebenlager Monowitz,
wo beim Aufbau des Buna-Werkes der IG Farben qualifizierte Sklaven
gebraucht wurden); die aus Saarlouis gebürtige Kantorentochter
Esther Bejarano aus Hamburg, die schon immer so winzig klein war,
daß ihre Freunde sie "Krümel" nannten, und
die im Auschwitzer Mädchenorchester Akkordeon spielte, obwohl
sie doch eigentlich nur Klavier konnte. Schließlich stellte
Herr Flug sich selbst vor: "Ich war Häftling in Auschwitz,
Großrosen, Mauthausen", sagte er und führte die
Reihe nicht fort, sondern endete mit "und so weiter" und
einem Laut, der vielleicht ein kleines Lachen war (wenigstens zeugt
sein Gesicht davon, daß er sich gern fürs Lachen entscheidet,
wenn er die Wahl hat). Dann wieder zum Heulen schöne Musik und eben kein "und
so weiter". Vielmehr war nun Auschwitz, über das so schwer
sprechen ist, weil, was dort geschah, jenseits der gewöhnlichen
Ausdrucksmöglichkeiten liegt -, das war nun physisch präsent.
Weil da diese Menschen waren, die es als Erinnerung an eine Wirklichkeit
in ihrem Leben in sich tragen. Und so stellte sich die Bedeutung
dieser Stunde ganz von allein her, es bedurfte keiner weiteren Worte.
In anderen Stunden aber kann man sich, worum es geht, nur klarmachen,
indem man versucht, darüber zu sprechen, und dabei eben das
feststellt: daß die Worte fehlen. Gerade darum muß man
immer weiter darüber reden. So schwer es auch ist. Iris Hanika, Jahrgang 1962, ist freie Autorin
in Berlin.
Internationales Auschwitz Komitee
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