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Adolf Burger im Gespräch mit Ingrid Heinisch "Da habe ich gewusst, ich bin ein Toter"Auszüge aus einem Interview mit Adolf Burger anlässlich der Sitzung der Leitung des Internationalen Auschwitz Komitees im November 2006 in Berlin. Adolf Burger wurde am 11. August 1942 wegen seiner konspirativen Tätigkeit verhaftet. Am 17. September kam er nach Auschwitz. Das letzte Mal habe ich meine Frau auf der Rampe in Auschwitz gesehen, als wir dort ausgestiegen sind. Das war kein Bahnhof, das war ein freies Feld. Dort wurde die Selektion durchgeführt. Sie hatten uns geteilt, die Frauen mit Kindern und die Männer. Dann erschien der Doktor Mengele, das war ein schöner junger Mann - der hat nur drei Fragen gehabt, aber so ruhig, schön hat er gesprochen, er hat nicht geschrieen. "Sagen Sie mir Ihr Alter, Gesundheitszustand und Beruf." Und wenn jemand sagte 41, auch wenn er gesund war, dann sagte er: "bitte nach links." Und wenn einer gesagt hat, er ist zuckerkrank: "bitte nach links." Das ging so schnell, von den 800, 900 Männern sind hundertfünfzig stehen geblieben. Die anderen alle nach links. Dann ging er zu den Frauen. Dort war das noch viel tragischer. Weil wenn eine Frau ein Kind neben sich hatte, hat er schon nichts mehr gefragt: "bitte nach links." So eine schöne Stimme, bis heute hab’ ich das im Ohr. Er hat nicht gebrüllt. Dann kamen die Lastwagen und sie fuhren weg. Und wir kamen ins Stammlager von Auschwitz. Noch am Nachmittag, als ich herausging, hab’ ich einen Freund getroffen, Nicki Steiner. Da hab’ ich ihn gefragt: "Wo sind die anderen hingefahren? Wir sind hier nur hundertzwanzig oder dreißig." Da sagte er: "Wohin? Siehst du den weißen Rauch? Die sind schon im Himmel." Ruhig hat er das gesagt. Da meine Frau kein Kind hatte, ist sie ins Frauenlager nach Birkenau gekommen. In die Baracken, die Pferdeställe waren. Und da ich später in einem so genannten Aufräumkommando arbeitete - das war ein Kommando, welches die Koffer weggebracht hat – sind wir dann immer ins Frauenlager gegangen, um die Klamotten dort hinzubringen. Dort war ein Kommando, 200 Frauen, die das weiter verarbeitet haben. Dann hab ich eines Tages ein Mädchen aus meiner Stadt erkannt. Wally Kohn. Ich konnte mit ihr nicht sprechen. Wenn der SS-Mann gesehen hätte, dass ich mit ihr spreche, bekäme ich zwanzig Schläge mit dem Schlagrohr, dann wäre ich halb tot. Aber eines Tages kam ich und der SS-Mann war nicht dort. "Wallyka, hast du nicht meine Frau gesehen?" Sagt sie: "Nicht nur gesehen, ich hab sie sehr oft gesehen." Sie wurde eingeteilt in ein sehr schweres Arbeitskommando: Leichenträger. Mit zehn anderen Frauen musste sie jeden Tag hinaus, die verstorbenen Mädchen und Frauen wegzutragen. Sie sagte, das war so schwere physische Arbeit, bei diesen dreihundert Gramm Brot, eine Woche vor Weihnachten hat sie schon so ausgeschaut, dass ein SS-Mann bei der Selektion auf sie gezeigt hat – und sie ging in das Gas. Über seine Ankunft in der Fälscherwerkstatt in Sachsenhausen: Kriegsende: Am 24. April erschien Krüger (ein SS-Mann), den hatten wir Monate nicht gesehen. Da kommt er herein und sagt: "Aber Jungs, ihr habt ja eine herrliche Arbeit geleistet. Wir können die Dollarproduktion anfangen. Aber deswegen bin ich nicht gekommen. Ich bin gekommen, um euch zu retten. Die Amerikaner sind schon 200 Kilometer von hier." Der Kerl sagt uns, die Druckmaschine braucht er schon nicht, "weil in der Alpenfestung hab’ ich schon eine ganz neue Druckerei aufgebaut." Eine Lüge nach der anderen. Nun haben wir schon gewusst, es ist zu Ende, Wenn ich mich am Abend so einmal hingesetzt habe, – obwohl dort immer Musik gespielt hat, Radio. Wir haben sogar Nachrichten gehört, auch als die siegreich aus Polen zurückgelaufen sind, haben wir das gehört. Aber wenn ich mich dann nieder gesetzt habe, dann habe ich gewusst, ich bin tot. Ich habe nie damit gerechnet, von dieser Sache raus zu kommen. Nie. Heute: Das ist so unglaublich. Die Tschechoslowakei hat so gelitten – es gibt Neonazis. In Frankreich Neonazis, in Holland Neonazis, in Belgien usw. Als die Auschwitzlüge erschienen ist, hatte ich zwanzig Jahre nichts gemacht. Aber dann habe ich aufgehört zu arbeiten. Dann habe ich die Dokumente gesucht und habe angefangen, in die Schulen zu gehen. Ich habe von 84 an zu 82.000 Schülern gesprochen. Jetzt habe ich einen Vortrag gehabt (in Berlin während des Interviews im November). Morgen, übermorgen werde ich in die Schulen gehen. Ich spreche nur zu 16-Jährigen und Älteren. Ich sage ihnen: "Ihr dürft keine Schuldgefühle haben. Ihr habt nichts gemacht. Aber wenn ihr zu den Neonazis geht, werdet ihr früher oder später zu Mördern."
zum Friedensfilmpreis der Internationalen Filmfestspiele Berlin |
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