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Begegnung mit Raphael Esrail am 24. April 2009 Ansprache von Botschafter Bernard de Montferrand vor dem Internationalen Auschwitz Komitee
es ist eine Ehre für mich, heute bei Ihnen zu sein. Und ich begrüße ganz herzlich Herrn Esrail zu der Ausstellung „Schuhe, Brot... überLeben in Auschwitz“ hier in Berlin. Ich danke Ihnen, dass Sie mir Gelegenheit geben, meiner Bewunderung und meinem Respekt für die Menschen und Institutionen Ausdruck zu verleihen, die schon früh die Notwendigkeit gesehen und damit begonnen haben, die Erinnerung an die Shoah wachzuhalten und gegen das Vergessen anzukämpfen – und dies heute noch so beeindruckend tun. „Das Leben hat gegen den Tod verloren, doch das Gedenken gewinnt seinen Kampf gegen das Nichts“, schreibt Todorow. Und genau darum geht es Ihnen: um den Kampf gegen das Vergessen. Sie wollen verhindern, dass sich das Nichts breit macht; Sie wollen wieder und wieder Bericht erstatten, damit die Erinnerung nie verblasst; damit nicht neue Gräueltaten möglich werden. Gedenken braucht Zeitzeugen; braucht das Engagement von Überlebenden wie Sie es sind, cher M. Esrail, damit die Geschichte nicht verfälscht, nicht umgeschrieben wird; damit vielmehr die Erinnerung an die Schrecknisse des Holocaust von Generation zu Generation authentisch weitergegeben wird. Ihr Engagement in der Union des déportés d’Auschwitz sowie Ihr besonderes Anliegen, den jungen Generationen dieses Zeugnis zu vermitteln, zeigt, dass Sie ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein dafür haben, wie wichtig ein solches Engagement für unsere Gesellschaft ist. Sie tragen, zusammen mit einigen anderen, diese schwere Last der Erinnerungspflicht. Ich hatte vor Kurzem die Ehre, Simone Veil zu empfangen. Sie war zur Veröffentlichung ihrer Memoiren in deutscher Sprache nach Berlin gekommen. Auch ihre Erinnerungen sind maßgeblich von der Shoah geprägt. Es zeugt von bemerkenswertem Mut, immer wieder auf diese unsäglichen Leidenserfahrungen einzugehen, um damit einen Beitrag für eine friedliche Zukunft zu leisten. Auch deshalb gebührt den Einrichtungen Dank, die sich zusammengeschlossen und diese Veranstaltung organisiert haben: das Internationale Auschwitz Komitee, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau. Die Ausstellung und Ihre Anwesenheit heute Abend hier in Berlin, cher M. Esrail, geben mir zudem Gelegenheit, die Erinnerungsarbeit zur Shoah in Deutschland zu würdigen. Deutschland hat sich seiner Nazi-Vergangenheit immer gestellt und die Schuld dieser Vergangenheit anerkannt. Deutschland lebt mehr als jedes andere Land im Zeichen des Gedenkens. Berlin selbst ist das beste Beispiel dafür: Kein Bezirk, kein Viertel der Stadt, wo nicht sichtbar der Schrecken der Shoah gedacht wird. Deutschland lebt alltäglich mit seiner Erinnerung. Auch darin zeigt sich heute, 60 Jahre danach, seine Demokratiefähigkeit. Die Tatsache, dass Deutschland in diesem Anspruch auf Erinnerung lebt und dass es seine historische Verantwortung akzeptiert, ist nicht unerheblich. Vielmehr trägt sie dazu bei, dass Deutschland heute als einer der wichtigsten Akteure anerkannt ist, wenn es um den Frieden, die Demokratie und die Stabilität in Europa und in der Welt geht – trotz seiner Vergangenheit. Und die Anerkennung eben dieses Deutschlands war die Grundlage, auf der die deutsch-französische Beziehung entstanden ist, die seit nunmehr 50 Jahren besteht. De Gaulle und Adenauer haben zu Beginn der 60er Jahre gezeigt, dass unsere beiden Völker sich versöhnten, nicht weil sie ihre Vergangenheit vergaßen, sondern vielmehr – und das hat weitaus mehr Gewicht – mit ihrer ganzen Vergangenheit, mit all den düsteren wie den rühmlichen Stunden. Auch den Weg in die Wiedervereinigung konnte Deutschland beschreiten, weil es seine tragische Vergangenheit anerkannt hat. Als ein Staatsmann, der so beispielhaft zur Erinnerungsarbeit des deutschen Volks beigetragen hat, konnte Willy Brandt nur wenige Wochen vor dem Mauerfall schreiben: „Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden.“ Und eben weil dieses Deutschland Anerkennung findet, war auch das große Friedensprojekt Europa möglich. Zeitzeugen wie Sie, Monsieur Esrail, lassen uns ermessen, welcher Weg zurückgelegt wurde. Und sie machen uns bewusst, welches Glück wir heute haben, dass wir an ein friedliches, freiheitliches Europa glauben können. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. |
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