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Bericht der Netzeitung vom 15. März 2006

Ein fragwürdiges Privileg

Santiago Sierras Gaskammer-Aktion verweist auf ein neues Phänomen: Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, kann jeder das vermeintliche «Privileg» der Holocaust-Opfer für die eigenen Zwecke reklamieren.

Von Ulrich Gutmair

Santiago Sierra ist seit Jahren als Provokateur bekannt, der mit drastischen Methoden auf gesellschaftliche Missstände, auf Ausgrenzung, Ausbeutung und blinde Flecken im Bewusstsein der besser lebenden Teile der globalen Gesellschaft hinweisen will. Was an Sierras Arbeiten zumindest im Ansatz interessant war, war gleichzeitig auch immer das, was sie ambivalent bis fragwürdig erscheinen ließ.

Erkenntnisprozesse können manchmal, so lässt sich Sierras durchaus nachvollziehbares Programm interpretieren, erst mit dem Überschreiten der Grenzen des guten Geschmacks eingeleitet werden. Um das zu tun, hat sich Serra aber seit jeher der Taktik des spektakulären Auftritts und der Ästhetisierung des Politischen bedient. Das nährte immer schon den Verdacht, der Künstler verfolge unter dem Deckmantel der Aufklärung womöglich keine andere Logik als die jener Medien, die man üblicherweise unter Schmutz und Schund subsumiert: Das heißt, strengen Moralismus auf der einen Seite mit gnadenloser Ausbeutung ganz realer Menschen zu verbinden.

Abenteuertourismus und Asylbewerber

Deutlich wurde dieses Dilemma etwa, als er Vernissagengäste mit einem Minibus in die Slums von Guatemala City schickte und dort absetzte, was einem gut situierten Galerienpublikum statt abstrakter Beschäftigung mit dem Elend wohl den ganz realen Horror beibringen sollte. Allerdings ließ sich diese Aktion auch gut und gern als besonders exaltierte Form des Abenteuertourismus für die dekadenteren Segmente der internationalen Kunstwelt lesen.

Auch als Sierra einigen Arbeitslosen Linien auf den Rücken tätowieren, Billigarbeiter stundenlang Lasten schleppen und Asylbewerber in Pappkartons im Museum ausharren ließ, durfte man die Frage stellen, ob der Künstler andere Menschen nicht einfach nur genau so benutzte wie das neoliberale Regime, gegen das er mit diesen Aktionen angeblich kämpft.

Denn die Frage nach dem Erkenntnisgewinn musste bei Sierras Aktionen meist negativ beantwortet werden: Außer billiger Betroffenheit – so schlimm ist die Realität da draußen! – hatten sie wenig zu vermitteln. Stattdessen legte Sierra Wert darauf, seine Aktionen so zu ästhetisieren, dass am Ende schöne Installationen und Schwarzweiß-Fotos stehen.

Theater statt Ästhetik

Dass man sich mit solchen Aktionen immer auch ins Unrecht setzt, liegt nicht nur in der Natur der Sache, es ist in gewissem Sinne vielleicht sogar notwendig. Als etwa Christoph Schlingensief mit einer spektakulären Aktion im Herzen von Wien auf das Schicksal von Asylbewerbern hinwies, tat er dies, indem er echte Asylbewerber Asylbewerber spielen ließ. Sie wohnten dann in einem im Stadtzentrum abgestellten Container.

Der implizite Hinweis auf «Big Brother» und den feinen Unterschied zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Aufenthalt in Containern waren durchaus intendiert. Die Asylbewerber spielenden Asylbewerber waren so Teil einer umfassenderen Agitationsstrategie des Happenings im öffentlichen Raum, das außerdem auf jede unnötige Ästhetisierung verzichtete.

Schlingensiefs Happening war Theater, und keine authentische Situation der Ausbeutung oder Demütigung wie bei Sierra, der seine «Mitspieler» eben dafür bezahlt. Sierra selbst tritt dabei nicht als Verantwortlicher in Erscheinung, sondern verweist implizit auf ein anonymes System, das er lediglich sichtbar mache. Dass Schlingensief hingegen gewissermaßen in die Rolle der Behörden schlüpfte, machte für viele Beobachter seine Aktion erst glaubwürdig.

Zu banal

Sierra beschäftigte sich auch in seiner jüngsten Kunstaktion gerade nicht mit den Bürokraten nationalsozialistischer Vernichtungspolitik, und er stellte sich auch hier nicht dem Publikum. Er forderte mit seiner Horrorshow die Besucher zu nichts anderem auf, als sich unter dem Schutz von Gasmasken auch einmal kurz wie die Opfer der Massenvernichtung zu fühlen. Der 39-jährige Spanier hatte die Abgase von sechs Autos in die ehemalige Synagoge von Pulheim-Stommeln eingeleitet, um damit auf die «Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust» aufmerksam zu machen.

Dass diese Aktion selbst kaum anders als eine gezielte Banalisierung verstanden werden kann, muss dem Künstler aber offenbar erst erklärt werden. Regisseur Schlingensief etwa kommentierte, Sierras jüngste Gaskammern-Aktion sei ihm zu banal. Dem Künstler riet er: «Er soll seine Autos vor den Reichstag stellen und das Gas da rein leiten. Die Politiker könnten sich dann in Gasmasken entrüsten.»

Den Überlebenden bleibt nichts erspart

Das Internationale Auschwitzkomitee begrüßte in einem Offenen Brief an die Stadt Pulheim den Abbruch der Aktion, die von den Überlebenden der Konzentrationslager als «brutal und mitleidlos» angesehen werde, wie der Vizepräsident der Organisation, Christoph Heubner, schrieb. Er müsse sich fragen, wie die Stadt reagiert hätte, wenn Sierra den Pulheimer Ratssaal mit Abgasen vergiftet hätte, «um so daran zu erinnern, dass in deutschen Rathäusern Ausgrenzung, Verfolgung und der Abtransport der ansässigen deutsch-jüdischen Familien in die Vernichtungslager organisiert wurde».

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, stellte die Frage noch einmal anders: Warum die Ermordeten des Holocaust und nicht die Täter derart provoziert würden? Auch Ralph Giordanos Empörung zielte in diese Richtung, als er festhielt: «Den Ermordeten und den Überlebenden des Holocaust bleibt in Deutschland nichts, aber auch nichts erspart.»

Symbolisches Kampfgebiet

Nach Pulheim ist klar, dass der Kredit, den die Kunstkritik Sierra gegeben hat und teils immer noch gibt, offenbar durch nichts gedeckt war: Sierra scheint nicht in der Lage zu sein, zu erfassen, was er da eigentlich tut. Giordano könnte mit seiner Bemerkung recht gehabt haben, dass sich der Künstler sein «Pulheimer Machwerk» wohl verkniffen haben würde, «hätte Sierra auch nur die kleinste innere Beziehung zu der Welt der Opfer».

Sierras Arbeiten könnten also unter die dümmeren Strömungen der Antiglobalisierungskritik subsumiert und abgehakt werden, wäre seine letzte Aktion nicht in einem gewissen Sinn symptomatisch. Denn mit dem Tod der letzten Überlebenden der Shoah wird der Versuch der Auslöschung des europäischen Judentums, der in seiner Zielsetzung, seinen Methoden und seiner Ausführung singulär war, nicht nur historisiert, sondern darüber hinaus zum symbolischen Kampfgebiet.

Abu Ghraib als Auschwitz

An Filmen wie dem heftig umstrittenen «Tal der Wölfe» lässt sich studieren, wie der Holocaust gerade wegen seiner Singularität seinem historischen Kontext gänzlich entrissen wird: Im Konkurrenzkampf, wer die wahren Unterdrückten sind, werden die Bilder, die sich der Westen vom Holocaust gemacht hat, von den Regisseuren des Films gekonnt für ihre eigenen Zwecke eingespannt und die Rollen vertauscht: Da wird ein jüdischer Arzt zum Mengele, der mit Organen handelt, und die amerikanischen Besatzungstruppen im Irak werden zu SS-Kommandos, die ihre Opfer in Trucks verladen und dort massenweise töten. Die Opfer dieses Verbrechens sind Muslime, und Abu Ghraib ist konsequenterweise nur als Auschwitz denkbar.

«Tal der Wölfe» führt genauso wie die ständig wiederholten Statements des iranischen Präsidenten aber nicht nur vor, wie das historische Ereignis des Holocaust hinter seinem bloßen Erzählgehalt zu verschwinden droht, der adaptiert, verändert und nach Belieben angeeignet werden kann.

Privilegien reklamieren

Die Regisseure dieses Films konstruieren wie der Faschist Ahmadinedschad und alle anderen modernen Antisemiten darüber hinaus ein fragwürdiges «Privileg», das mit dem Status des Opfers eines einmaligen historischen Verbrechens angeblich einhergeht, um dieses von ihnen selbst behauptete Privileg dann für sich, die eigene Gruppe, Nation oder Religion reklamieren zu können.

Sierras Aktion schlägt – vielleicht gegen die Intention des Künstlers, was am Sachverhalt aber gar nichts ändert – im Prinzip in dieselbe Kerbe, wenn er eine gänzlich abstrakte «Opfererfahrung» zum Gegenstand seiner Reality-Show macht.

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