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Bericht der Rhein-Zeitung vom 15.3.2006

Stadt Pulheim setzt Synagogen-Projekt aus

Pulheim - Die Stadt Pulheim will in der kommenden Woche über die Zukunft des heftig kritisierten Kunstprojekts entscheiden, bei dem der spanische Künstler Santiago Sierra (39) tödliche Autoabgase in eine ehemalige Synagoge geleitet hatte.

Zuvor wolle sich der international bekannte Aktionskünstler im Gespräch seinen Kritikern stellen, sagte ein Stadtsprecher. Nach der massiven Kritik vor allem vom Zentralrat der Juden wird die Stadt Pulheim ihr Projekt zunächst aussetzen: Das frühere jüdische Bethaus bleibe entgegen ursprünglicher Planung am nächsten Sonntag geschlossen.

Das Internationale Auschwitzkomitee begrüßte in einem Offenen Brief an die Stadt Pulheim den Abbruch der Aktion, die von den Überlebenden der Konzentrationslager als „brutal und mitleidlos” gesehen werde. „Wir hoffen deshalb sehr, dass es bei der Absetzung dieses Spektakels bleibt”, schrieb der Vizepräsident der Organisation, Christoph Heubner. Angesichts der „überdrehten und egozentrischen Inszenierung” des Spaniers müsse er fragen, wie die Stadt reagiert hätte, wenn Sierra den Pulheimer Ratssaal mit Abgasen vergiftet hätte, „um so daran zu erinnern, dass in deutschen Rathäusern Ausgrenzung, Verfolgung und der Abtransport der ansässigen deutsch-jüdischen Familien in die Vernichtungslager organisiert wurde”.

Auch der Zentralrat hatte die Aktion als Verhöhnung der Opfer kritisiert. Die Stadt werde bei dem Treffen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft nicht vertreten sein. „Nach diesem Gespräch werden wir entscheiden, wie es weitergehen soll”, erklärte der Sprecher. Sierra gehe davon aus, dass er die Kritiker von der Ernsthaftigkeit seines Projekts überzeugen könne. „Nichts hat uns bei der Aktion ferner gelegen, als die Gefühle von NS-Opfern und ihrer Angehöriger zu verletzen”, betonte der Stadtsprecher.

Der 39-jährige Spanier hatte am Sonntag mit Schläuchen die Abgase von sechs Autos in die ehemalige Synagoge von Pulheim-Stommeln geblasen, um damit auf die nach seiner Meinung herrschende „Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust” aufmerksam zu machen. Besucher konnten die Synagoge mit Gasmaske betreten. Die Aktion sollte jeden Sonntag bis Ende April wiederholt werden.

Der ebenfalls als Provokateur bekannte Regisseur Christoph Schlingensief (45) lehnt die Pulheimer Aktion als zu banal ab. „Selbst einem alten "Provokationshasen" wie mir ist das zu platt”, sagte er dem „Kölner Stadtanzeiger”. Dem Künstler riet er: „Er soll seine Autos vor den Reichstag stellen und das Gas da rein leiten. Die Politiker könnten sich dann in Gasmasken entrüsten.”

Der Publizist Henryk M. Broder nannte in derselben Zeitung die Sierra-Aktion eine „gigantische Geschmacklosigkeit”. Broder kritisierte eine „irre Fixierung” auf die Juden: „Die optimale Provokation in diesem Land ist es, einen Juden umzubringen - oder so zu tun, als müsste man verhindern, dass einer umgebracht wird. Das ist vollkommen psychotisch”.

Der Kölner Autor Ralph Giordano („Die Bertinis”) hatte schon am Montag die Synagogen-Aktion als eine „Niedertracht sondergleichen” kritisiert. „Hätte Sierra auch nur die kleinste innere Beziehung zu der Welt der Opfer, hätte er sich sein Pulheimer Machwerk verkniffen”, sagte der Holocaust-Überlebende.

dpa-infocom

15.03.2006 © RZ-Online GmbH · 56073 Koblenz

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