|
Artikel im Neuen Deutschland vom 9. November 2007:
"Albtraum im gelobten Land
Die Pogromnacht vom 9. November 1938 war auch für die polnischen Juden ein folgenschwerer Wendepunkt "
Von Ingrid Heinisch
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten in Deutschland Synagogen, verwüsteten Nazis jüdische Geschäfte und gingen gewalttätig gegen jüdische Nachbarn vor. Auch für die Juden im polnischen Lodz markierte dieser Tag einen folgenschweren Wendepunkt.
Eigentlich hatte Dorota Flug eine glückliche Kindheit im Lodz der 30er Jahre. »Als Kind«, sagt sie, »wusste ich nichts von der großen Welt. Ich lebte in meiner kleinen Welt, in der Familie und in der Schule.« Ihr einziges Kümmernis war der Familienname: Tugendreich. Seitdem eine Lehrerin ihr ins Polnische übersetzte, was das bedeutet, lastete er als Verantwortung auf ihren Schultern.
Dass sie Jüdin war, empfand sie nicht als Belastung. Als in Deutschland in der Pogromnacht am 9. November 1938 die Synagogen brannten, spürte sie wohl, dass die Erwachsenen beunruhigt waren, aber ihre kleine Welt blieb davon noch unberührt.
Auch Roman Kent ist in Lodz aufgewachsen. Und auch er erinnert sich an eine glückliche Kindheit, die er bis heute in sich trägt. Er spricht noch Polnisch, aber es ist ihm nicht mehr geläufig; seit 60 Jahren lebt er in den USA. Er verhandelt für die Jewish Claims Conference über Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus. Dorota Flug dagegen unterhält sich noch heute mit ihrem Mann Noah, dem Präsidenten des Internationalen Auschwitz Komitees, auf Polnisch, obwohl sie seit fast 50 Jahren in Israel leben.
Der Bruch in ihrem Leben kam 1939, mit dem Beginn des Krieges. Dorota Flug kann sich gut daran erinnern. Es waren die letzten Ferientage auf dem Land. »Plötzlich hörten wir Flugzeuge und dann sahen wir von weitem, wie die Bomben fielen. Von da an war alles anders.« Juden konnten sich in Polen nicht mehr sicher fühlen.
»Eher verbrenne ich das Bild ...«
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatten Deutsche, Polen und Juden problemlos im schnell wachsenden Lodz zusammen gelebt. Der polnische Schriftsteller Wladislaw Stanislaw Reymont hat 1915 über das junge Lodz den Roman »Das gelobte Land« geschrieben, der später von Andrzej Wajda verfilmt wurde. Eine große Anziehungskraft übte Lodz auf die Menschen aus; es herrschte Goldgräberstimmung. Nur dass das Gold hier Stoff war. Man sprach vom polnischen Manchester. Grohmann, Scheibler, John so hießen die deutschen Besitzer riesiger Fabriken mit bis zu 20 000 Arbeitern.
Schon 1933 änderte sich die Stimmung, erinnert sich Noah Flug. Nationalistische Strömungen wurden stärker. Der Ton zwischen Polen und Deutschen wurde immer schärfer. Vor allem aber richtete sich die deutsche Propagandamaschine auch in Lodz gegen die Juden. Sie durften keine deutschen Einrichtungen mehr benutzen. Noah Flug besuchte ein Elitegymnasium, dessen ausgesprochenes Anliegen es war, zu je einem Drittel Juden, Polen und Deutsche aufzunehmen. Damit war es 1939 vorbei. Binnen zweier Monate entstand in Lodz das Ghetto, nach zwei weiteren Monate war es völlig abgeriegelt.
»Von einem Tag auf den anderen änderte sich unser Leben komplett«, erinnert sich Roman Kent. »Keine Schule mehr. Unsere Wohnung war versiegelt. Wir konnten nichts mitnehmen.« Sein Vater hatte ein Gemälde in Auftrag gegeben, das seine Mutter am Hochzeitstag zeigte. Ein wunderschönes Bild. Noch heute, so sagt er, kann er es sich in allen Einzelheiten in Erinnerung rufen. Der Vater besaß eine große Textilfabrik. Dort waren auch Deutsche beschäftigt, die mit ihrem Chef offensichtlich zufrieden waren. Nun, erzählt Roman Kent, waren sie die Herren, aber sie sagten dem Vater: »Du bist ein anderer Jude, denn du bist ein guter Mensch.«
Die Wohnung der Kents war voller wertvoller Kunstgegenstände, aber nur eine Sache wünschte sich die Mutter: dieses Bild. Die ehemaligen Angestellten des Vaters versuchten, mit dem neuen Besitzer der Wohnung zu verhandeln. Aber der, ein Volksdeutscher, der, wie Roman Kent meint, »vorher nichts und jetzt alles besaß«, sagte: »Eher verbrenne ich das Bild, als dass ich es diesen Juden gebe.«
Auch Noah Flugs Vater war ein wohlhabender Mann, Teilhaber an einer Textilfirma. Sein Partner war ein Deutscher: Bruno Weiß. Sie waren nicht nur Partner, sie waren Freunde. Als der Krieg begann, riet Weiß: »Hier wird es zu gefährlich. Ihr müsst weg.« Die Familie schickte den jungen Noah zum Onkel an die polnisch-russische Grenze. Aber er kam nicht weiter. Schließlich erreichte ihn ein Brief, in dem die Eltern schrieben: Komm zurück. Das Ghetto war inzwischen hermetisch abgeriegelt, bewacht von 600 Schutzpolizisten. Trotzdem hielt Bruno Weiß Kontakt zur Familie Flug und schickte Pakete mit Lebensmitteln. Das hat Noah Flug nie vergessen. Er betont immer wieder, dass die ersten Opfer der Gestapo in Lodz Deutsche waren, die sich dem polnischen Kampf angeschlossen hatten.
1941 wurden im Ghetto die Schulen geschlossen. Die Schüler mussten in der deutschen Rüstungsindustrie arbeiten. Die jungen Leute gingen in den Untergrund. Dorota Flug hatte inzwischen ihren späteren Mann kennen gelernt. Gemeinsam arbeiteten sie im Widerstand. »Es war nichts Großes, was wir machten«, erinnert sie sich. »Langsam arbeiten, das war Widerstand. Streiks um eine etwas bessere Suppe. Wir bekamen ein Stück Brot für mehrere Tage. Wir waren immer hungrig. Aber wir haben ein ganz kleines Stückchen abgezweigt, für diejenigen von uns, die vor Hunger schon dem Tode nahe waren.“
Widerstand hieß auch, sich weiterzubilden. Jedes Buch war ein Schatz und wurde weitergegeben. Dorota und ihre Freunde besaßen sogar ein Radio. Sie trafen sich in kleinen Gruppen, um Nachrichten zu hören, die sie weitergaben. Ihr Vorteil, meint sie, war ihre Jugend. Sie hatten keine Verpflichtungen nur die freiwillig auferlegten.
Ein Monat war wie ein Jahr
Seitdem wisse sie, was Freundschaft bedeute, wie wichtig es sei, sich selbst unter widrigsten Umständen ein Stück Menschlichkeit zu bewahren. Auch Disziplin weiß sie seitdem zu schätzen. Denn ungeheure Disziplin war nötig, um das kleine Stück Brot nicht auf einmal aufzuessen und sogar noch etwas zu bewahren für anderen. Nur so haben sie überlebt.
Dann kam der August 1944. Das Ghetto wurde liquidiert, seine Insassen nach Auschwitz deportiert. »Dort war eine Minute eine Stunde, eine Stunde ein Monat, ein Monat ein Jahr«, sagt Roman Kent. »Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich in Auschwitz war.« Er hat seine ganze Familie verloren, alle außer seinem Bruder. Die ganze Zeit blieben sie zusammen. Sie haben Nummern auf der Häftlingskleidung getauscht, wenn sie auf verschiedene Transporte geschickt werden sollte. Ihre Entdeckung hätte den Tod bedeutet, aber das Leben des einen war ohne den anderen nichts mehr wert.
Auch Dorota Flug nahm auf der Rampe von Auschwitz Abschied von ihrer Familie. Nur die Mutter ist bei ihr geblieben. Nach einem Monat kamen sie nach Bergen-Belsen, dann in ein Arbeitslager nach Salzwedel, wo sie in der Rüstungsindustrie arbeiten musste. »Am 14. April 1945 bin ich wiedergeboren worden.« An diesem Tag wurde das Lager von amerikanischen Soldaten befreit.
Noah Flug verlor seine ganze Familie. Auschwitz war nur der Anfang seines Leidenswegs. Im Winter 1945 folgte der Todesmarsch nach Ebensee, wo er vollkommen entkräftet eintraf. Der Empfang war ein Spalier von Kapos, die mit Stöcken auf die neuen Häftlinge einschlugen. Viele überlebten das nicht. Drei Tage vor Kriegsende befahl die SS die Häftlingen in einen Steinbruch. Dort sollten alle mit Dynamit liquidiert werden. Die Häftlinge wehrten sich, die SS-Bewacher flohen. An dem einen Tag, den die Häftlinge unter sich waren, geschah etwas Schreckliches: Eine Lynch-Justiz begann. Die Häftlinge rissen einige der Kapos, die sie so malträtiert hatten, buchstäblich in Stücke.
33 Kilo wog Noah Flug bei seiner Befreiung. Er kehrte nach Lodz zurück, wie auch Dorota. Eines Tages fand sie in einer Wohngemeinschaft für elternlose Jugendliche Noah wieder, ihren Freund und künftigen Mann. 1958 emigrierten sie nach Israel, er wurde Diplomat, sie Kinderärztin. Das Engagement für die Überlebenden von Auschwitz kam im Alter.
Roman Kent und sein Bruder haben auch überlebt. Beide wollten einen Neuanfang. Lodz war nicht mehr das »Gelobte Land«, es war ein Albtraum. Das »Gelobte Land« konnte für sie nur noch Amerika sein, von dem sie als Kinder gelesen hatten. Mit seinen Kindern hat er nicht viel über das Durchlittene gesprochen. Als Gute-Nacht-Geschichte hat er ihnen von seiner Hündin erzählt. Als sie ins Ghetto mussten, hatte die Hündin Welpen. Die Eltern beschlossen, sie nicht mitzunehmen. In der ersten Nacht im Ghetto konnte keiner schlafen. Plötzlich hörten sie ein Kratzen an der Tür. Alle erstarrten vor Angst. Schließlich wagten sie zu öffnen, und herein kam ihre Hündin, die sich zufrieden zusammenrollte und schlief. Am Morgen winselte sie, bis sie hinaus gelassen wurde.
So geschah es täglich: Nachts kam sie zur Familie, morgens ging sie zu ihren Jungen. Als die groß genug waren, blieb sie im Ghetto, bis zu jenem unseligen Tag, als die Juden alle Hunde abgeben mussten. An diesem Tag versteckte sie sich zitternd unterm Bett. Die Eltern mussten es anheben und sie hinaustragen.
Diese Geschichte erzählte Roman seinen Kindern und erklärte ihnen damit mehr als in vielen Geschichten über Auschwitz: die unnötige Brutalität in den scheinbar kleinen Dingen. »Die Erinnerung an diese Hündin bricht mir immer noch das Herz.«
zur Seite des "Neuen Deutschlands"
zurück zur Übersicht
|