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Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 21. November 2007:
"Jetzt gibt es Löcher im Dach des schönen Hauses Wiedergutmachung"
Noach Flug, Vertreter der Holocaust-Überlebenden in Israel, über die Not der alt gewordenen Opfer, deutsche Schuld und eine Schachtel Zigaretten.
Herr Flug, als oberster Vertreter von 250 000 Überlebenden der Shoa werden Sie mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück über Finanzhilfen sprechen. Manche Deutsche meinen: "Wir haben genug gezahlt." Kränkt Sie das?
Es kränkt mich nicht. Ich setze auf Aufklärung. Ich verstehe auch die jungen Deutschen. Sie haben keine Schuld. Aber die Shoa geschah im deutschen Namen.
Bitte schildern Sie die Probleme der Überlebenden.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück wird sich am Donnerstag mit Flug in Israel treffen; ein Gespräch mit Israels Rentenminister Rafi Eitan wird er aber nicht führen.
Man sagt, dass jeder in seinen letzten drei Lebensjahren mehr Medikamente und medizinische Versorgung als je zuvor braucht. Für die Holocaust-Überlebenden gilt das besonders. Viele leiden an den Spätfolgen von Hungerkrankheit, manche sind Invaliden.
Wieso ist das Problem jetzt akut geworden?
Die meisten Überlebenden waren zwischen 18 und 28 Jahren, als sie aus den Konzentrationslagern befreit wurden. Sie sind nun über achtzig. Die Alten und Kinder hat man ja ermordet, weil sie nicht arbeitstauglich waren. Nun können wir zwar Finanzhilfe für Medikamente beantragen. Aber ehrlich gesagt, die Einstellung auf den deutschen Entschädigungs-Ämtern ist nicht gerade freundlich.
Wie viele sind betroffen?
Man muss zwei Personenkreise unterscheiden. Zum ersten zählen über 80 000 Juden, die unter deutscher Naziherrschaft, in Ghettos, Konzentrationslagern oder Verstecken überlebt haben. Die meisten kamen nach dem Krieg ins Land, haben gearbeitet und beziehen normale Altersrenten, dazu Renten aus Deutschland, hauptsächlich für Gesundheitsschäden. Für 10 000 von ihnen gilt das nicht. Sie waren im KZ, aber werden nicht entschädigt, weil es sture Regelungen gibt. Zum Beispiel muss man mindestens 18 Monate im Ghetto oder ein halbes Jahr im Konzentrationslager gewesen sein, um etwas zu bekommen. Das Ghetto Budapest bestand jedoch gar nicht so lang. Wer dort war, erhält nicht die deutsche Zusatzrente von 270 Euro. Die anderen zwei Drittel der Überlebenden, an die 180 000 Menschen, konnten erst nach Israel einwandern, als der Eiserne Vorhang aufging. Sie haben in Israel nicht gearbeitet und beziehen keine Altersrente. Fast die Hälfte lebt von Sozialhilfe. Ihnen fehlt es oft gar am Geld für einen Hörapparat oder eine Brille.
Was ist nötig?
Die Allermeisten standen nach dem Krieg völlig allein da und hatten nie Unterstützung von Angehörigen, weil fast alle tot waren. Mir geht es um die Bedürftigen. Solange Holocaust-Überlebende leben, gibt es eine moralische Pflicht.
Diese Debatte wurde auch in Israel geführt. Am Ende handelte man mit der Regierung umgerechnet etwa 1,1 Milliarden Euro Extrageld auf Dauer von drei Jahren aus. Israel will jetzt mit Deutschland über eventuelle Nachzahlungen im Rahmen der Wiedergutmachung sprechen. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?
Ich will Direktzahlungen auf die Konten der Betroffenen und keine deutsche Unterstützung für den israelischen Haushalt.
Zahlt Deutschland zu wenig?
Deutschland hat viel Geld für die Wiedergutmachung ausgegeben, rund 60 Milliarden Euro seit dem Luxemburger Abkommen von 1952. Umgerechnet auf jeden Deutschen macht das 800 Euro in sechzig Jahren; das sind 15 Euro pro Jahr. Nur, im Vergleich zu dem Verbrechen steht das in keiner Relation. Zumal die Zahlungen Deutschland erlaubt haben, wieder Teil der Weltgemeinschaft zu werden. Deutschland hat mit der Wiedergutmachung ein schönes Haus aufgebaut. Inzwischen gibt es aber ein paar Löcher im Dach, die man reparieren sollte, damit nichts kaputt geht. Pro Kopf würde das die Deutschen etwa so viel wie eine Schachtel Zigaretten pro Jahr kosten, mehr nicht.
Interview: Inge Günther
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