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Jom Kippur und der Anschlag von Halle: „Stillschweigen bestärkt die Peiniger, niemals den Gepeinigten“

Zum bevorstehenden Jahrestag des Anschlags von Halle und dem morgigen jüdischen Feiertag Jom Kippur betonte während eines Aufenthaltes in der Gedenkstätte Auschwitz Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees:

"Die Gedanken der Auschwitz-Überlebenden in aller Welt richten sich in diesen Tagen mit besonderem Schmerz in Vergangenheit und Gegenwart: Sie erinnern sich an Jom Kippur 1944, den 27. September, als in Auschwitz und in Birkenau jüdische Häftlinge die Frage quälte, ob sie an diesem höchsten jüdischen Feiertag das Fastengebot befolgen sollten: Sie fasteten doch gezwungenermaßen jeden Tag, der entsetzliche mörderische Hunger, dem die SS sie aussetzte, dominierte ihr Leben in Auschwitz wie kaum etwas anderes. Und doch entschieden sich die meisten von ihnen, an diesem Tag auf den schäbigen Fraß des Lagers zu verzichten, um ihr Leben als Juden zu bezeugen und, eingesperrt in der Hölle, Gott zu loben. Auch als die SS perfide versuchte die Häftlinge an diesem Tag mit besserem Essen zu korrumpieren, weigerten sich viele – trotz der angedrohten Strafen –, das Essen anzurühren.

Einer der im Protest gegen Gott bewußt nicht fastete, war der junge jüdische Häftling und spätere Nobelpreisträger Elie Wiesel. In einem Gespräch hat er mir 1986 erklärt, wie er, der tief gläubige Jude, inmitten dieser Hölle und angesichts der Gaskammern nach Gott schrie und gerade an diesem Tag zerrissen wurde von Gottes Schweigen. Wie viele andere Überlebende hatte auch Elie Wiesel nach seinem Überleben erwartet, dass die Welt den Hass des Antisemitismus’ ein für alle mal verdammen würde: Man würde die von Auschwitz Gezeichneten sanft und liebevoll begleiten und ihnen helfen aus ihrer Einsamkeit heraus ein neues Leben inmitten der menschlichen Gemeinschaft aufzubauen.

Es war und bleibt bis heute eine der desillusionierendsten Erfahrungen der Überlebenden von Auschwitz, dass zwischen dem antisemitischen Hass und der Mordlust, die sie am eigenen Leib erfahren haben und der jüdische Menschen auch heute immer wieder ausgesetzt sind, oftmals – so wie in Halle – nur eine alte Holztür steht. Deshalb wehren sich in diesen Tagen Überlebende des Holocaust mit den Worten ihres Freundes Elie Wiesel gegen die Gleichgültigkeit und appellieren an die Solidarität ihrer Mitmenschen: ‚Man muss Partei ergreifen. Stillschweigen bestärkt die Peiniger, niemals den Gepeinigten.‘“