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18.02.2022

Hommage an Władysław Bartoszewski von Marian Turski

 
 
Władysław Bartoszewski Foto: https://dzieje.pl TSCHÜSS. Grygiel

Władysław Bartoszewski Foto: https://dzieje.pl TSCHÜSS. Grygiel

 

 

 

Wladyslaw Bartoszewski wäre am 19. Februar 100 Jahre alt geworden. Mit seiner Hommage an Władysław Bartoszewski würdigt Marian Turski den Auschwitz-Überlebenden und großen polnischen Staatsmann.

Hommage an Władysław Bartoszewski von Marian Turski

Unter den Überlebenden von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern gibt es einige Namen, die sich um die Bewahrung der historischen Erinnerung an die „Zeit der Verachtung“ besonders verdient gemacht haben. Zu ihnen gehört zweifelsohne Władysław Bartoszewski.

Auschwitz-Häftling, Widerstandskämpfer, Häftling in der Stalinzeit, nach der Wende Außenminister der Republik Polen, Vorsitzender des Internationalen Auschwitz-Rates beim polnischen Premierminister, Autor mehrerer Dutzend Bücher, darunter historischer Werke und Memoiren.

Heinrich Böll beschrieb Władysław Bartoszewski einmal als Polen aus Leidenschaft und Passion, als Katholiken aus Leidenschaft und Passion, als Humanisten aus Leidenschaft und Passion. Es war eine sehr treffende Einschätzung.

Bartoszewski wurde vor genau einhundert Jahren, am 19. Februar 1922, in Warschau geboren. Sein Abitur legte er an einem katholischen Gymnasium im Sommer 1939 vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ab. Im Frühjahr 1940 wurde er beim Polnischen Roten Kreuz angestellt. Diese Tätigkeit vermochte ihn jedoch nicht vor Straßenrazzien zu schützen. Er wurde verhaftet und kam nach dem 20. September 1940  nach Auschwitz. Der erste Appell blieb ihm im Gedächtnis. Mehrere Kapos zogen jemanden aus der Reihe und schlugen mit Holzknüppeln auf ihn ein. „Er fiel hin. Sie fingen an, auf ihm herum zu trampeln. Und wir standen da, ohne ein Wort zu sagen, mit nichtsehenden Augen. Niemand bewegte sich (...)“.

Einige Monate später stand er selbst am Rande des Lebens. Aber der Ausweis seiner Beschäftigung beim Roten Kreuz tat damals noch seine Wirkung. Von Zeit zu Zeit ließen die Nazis kleine Gruppen von Häftlingen aus Auschwitz frei. Zu ihnen gehörte im April 1941 auch Bartoszewski.  Viele Jahre später sollte Bartoszewski schreiben: „Die Bedingungen, unter denen ich meine ganze Jugend verbringen musste (...), nahmen mir die Möglichkeit zu zögern. Ich hatte nur eine Wahl: Entweder ich akzeptiere etwas, das ich für das Böse halte, oder ich weigere mich, es zu akzeptieren...“.

Seine erste Handlung bestand darin, einen Bericht über das Lager aufzuschreiben. Er schrieb, natürlich anonym, „Auschwitz. Pamiętnik więźnia“ („Auschwitz. Erinnerungen eines Häftlings“) – es war der erste konspirative Bericht über die Situation in Auschwitz. Er hatte das Glück, oder vielleicht sollte man besser sagen: wir alle hatten das Glück, dass Władysław Bartoszewski, ein tiefgläubiger Katholik, im Beichtstuhl einen wunderbaren Priester traf, Pater Jan Zieja. Das war im Sommer 1942, als die Liquidierung des Warschauer Ghettos begann. Er hörte von ihm Folgendes: „Gott wollte, dass du überlebst. Und wozu? Damit du Zeuge der Wahrheit wirst. Damit du mit dem Wissen, dass es das Böse gibt, dich dessen versichern kannst, dass es das Gute gibt. Um uns herum gibt es leidende Menschen. Ihnen muss geholfen werden. Mach deine Augen auf. Schau dich um. Weißt du, was im Ghetto passiert?”

Und so wurde Bartoszewskis zweite Entscheidung getroffen. Er wurde für den Rat zur Unterstützung der Juden „Żegota“ tätig, einer Einrichtung des polnischen Untergrundstaates. Und nach dem Krieg war er angesichts der antisemitischen Pogrome in Polen Mitorganisator der Gesamtpolnischen Liga zur Bekämpfung des Rassismus.

In den 1960er Jahren wurde er von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit dem Titel eines Gerechten unter den Völkern der Welt und einem Baum mit seinem Namen geehrt; einen zweiten Baum pflanzte er zum Gedenken an die Verdienste der Organisation „Żegota“.

Die Biographie Bartoszewskis würde nicht in einen dicken Band passen. Aber ich möchte auf etwas aufmerksam machen, das für uns, die ehemaligen Auschwitz-Häftlinge, von besonderem Interesse ist. Nachdem Polen Ende der 1980er Jahre seine Souveränität wiedererlangt hatte, wurde Władysław Bartoszewski zum Vorsitzenden des Internationalen Auschwitz-Rates bei der polnischen Regierung ernannt. Damals hat er -zusammen mit einer ausgewählten Gruppe, von der ich vor allem seinen Stellvertreter, Professor Israel Gutman, wissenschaftlicher Kurator von Yad Vashem, ebenfalls ehemaliger Auschwitz-Häftling, erwähnen möchte- eine gigantische Arbeit geleistet, um der Hauptausstellung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau die Wahrheit zurückzugeben. Jahrzehntelang wurden dort Halbwahrheiten verbreitet, von denen die größte im Verschweigen der Tatsache bestand, dass Juden die überwältigende Mehrheit der Opfer waren. Bartoszewskis Lieblingsspruch war: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, die Wahrheit liegt dort, wo sie liegt. Und dem ist er treu geblieben.

Abschließend noch eine Maxime von Bartoszewski: Wenn du nicht weißt, wie du dich verhalten sollst – verhalte dich anständig. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Marian Turski

Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees
Auschwitz-Überlebender

 

zur Pressemitteilung des Internationalen Auschwitz Komitees