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Bundeskanzlerin Angela Merkel und Auschwitz-Überlebende Eva Fahidi, 2015, in der Urania, Berlin © Boris Buchholz
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Auschwitz-Überlebende Eva Fahidi, 2015, in der Urania, Berlin © Boris Buchholz 
 

Zum 8. Mai 1945: Bericht einer Befreiung von Eva Pusztai-Bélané geb. Fahidi

Auf einmal saß ich dort allein im Vollmond, wie eine Zielscheibe

Meine Evakuierung aus dem Lager Münchmühle in Allendorf erfolgte 28. März 1945. Wir gingen nicht zur Arbeit. Wir bekamen keine Mittagssuppe; voller Angst vor dem, was kommen kann, saßen wir in der Baracke und warteten. Es dämmerte schon, als wir zum Appellplatz getrieben wurden. Adolf Wuttke unser Oberscharführer und Lagerleiter gab uns bekannt, dass wir mit dem letzten Hund, der zum Lager gehört, die Münchmühle verlassen – sobald es dunkel wird. So geschah es auch. Wir fingen unseren Todesmarsch an, und marschierten hinein ins Blaue, mit 1/5 Stück Brot in der Tasche.

Jedem, der diesen Artikel liest, empfehle ich zu probieren, wie man in Holzschuhen läuft, wenn man sie barfuß trägt, ohne Socken, ohne Strümpfe, Fetzen – sogar aus Zementsäcken, die wir als Weißwäsche verwendeten. Nach zehn Minuten ist der Fuß voll mit blutenden Wunden und Blasen. So haben wir auf einer freien Wiese eine Scheune erreicht, und haben uns in das Stroh zum Schlafen gelegt. Tagsüber konnte man schon am nächsten Tag nicht herumlaufen, weil über unserem Kopf Luftangriffe stattfanden und 1000 (eintausend) Frauen eine sehr auffallende Kolonne gewesen wären. So warteten wir im Stroh bis es finster wurde, um weiter marschieren zu können. Als es wieder still wurde, stellten wir uns in Fünferreihen auf und es ging los. Weiter.

Ich war schon ganz verloren. Zu meiner 176 cm Größe wog ich keine 40 kg, und die Granate die ich bei der DAG (Dynamit-AG), wo ich in der Verpackung als Paar arbeitete, solange es den Betrieb gab, wog  schon 50kg. Während einer Schichte hob ich sie 800 Mal, schleppte sie irgendwohin und legte sie ab. Man kann sich meine körperliche Verfassung vorstellen. Ich stellte mich in der letzten Fünferreihe an das Ende. Der SS-Wachmann mit seiner Peitsche und seinem Hund neben mir. Ich war schon ein erfahrener Häftling, ich wusste, nichts kann so überzeugend sein, wie die Peitsche. Sogar die Halbtoten stehen auf und marschieren, wenn diese benutzt wird. 
Nomen est omen, das wussten die Menschen bereits vor 2000 Jahren. Mein Name bedeutet, dass ich etwas mit einer hölzernen Brücke zu tun habe. Unweit der Scheune floss ein Bächlein mit einer idyllischen hölzernen Brücke, die unsere Kolonne, um weiter zu kommen, unbedingt betreten musste. Sie war aber zu schmal für eine Fünferreihe. Sobald die zweite Fünferreihe die Brücke betreten wollte, entstand ein Gerangel, eine Unordnung und ein Geschrei; der SS-Mann neben mir ging hin, um „Ordnung zu schaffen“.

Ich setzte mich in das Gras und wartete auf den SS-Mann. Ich war überzeugt, er käme gewiss zurück und wird anfangen mich mit seiner Peitsche zum Aufstehen und Weiterlaufen „zu überzeugen“, dass ich weiter gehen muss, obschon ich dazu überhaupt nicht fähig war.

Alles war mir Wurst und gleichgültig, ich will nichts, nur Ruhe, Ruhe.....

Der SS-Mann ist aber nicht zurückgekommen, ich habe gehört, wie der Lärm der tausend Frauen immer leiser wurde... Auf einmal saß ich dort allein im Vollmond, wie eine Zielscheibe, in einem fremden, feindlichen Land, irgendwer kann kommen, ein fremder Mensch, in jeder Sekunde, und fragen: wo kommst Du her, in diesen schrecklichen Fetzen?, die Du trägst, schmutzig, vernachlässigt, stinkend, was sagt es ihm schon, wenn ich sage: Ich bin Eva Fahidi, ein verwöhntes Kind meiner Eltern, die mich sehr lieben.

Aber wo sind meine Eltern, und die Angst überfiel mich, und auf allen vieren kroch ich in die Scheune zurück, mein Herz wollte aus der Brust herausspringen. 


Und auf einmal bewegte sich das Stroh an dem anderen Ende der Scheune: ein anderes Mädchen hatte sich dort schon versteckt; so waren wir zu zweit dort. In der Nacht später sind noch weitere Gruppen von je 4-5 Personen zurück gekommen, da waren wir schon etwa 20 Menschen in der Scheune.

An den kleinen Fenstern in Augenhöhe haben wir an allen vier Seiten eine Wache aufgestellt, und es dauerte nicht lange, bis es auf einer Seite ertönte: Panzer! 
Alle sind wir hingerannt, und tatsächlich waren es Panzer, mit einem fünfzackigen, weißen Stern auf der Vorderseite, und von Farbigen geführt.

Wir haben es erst sehr spät verstanden: Das war die 6. Panzerdivision der Alliierten. 


Sie hatten noch keine Deutschen Konzentrationslager und keine KZ-Häftlinge gesehen. Und nur schwer haben sie begriffen, dass es unsere „große Sünde“ war, dass wir Jüdinnen sind. Sie dachten, wir seien Verbrecher, die von der zivilen Gesellschaft für ihre Schreckenstaten bestraft worden sind. Sie haben uns dann auf ihren Panzern mitgenommen und nach Ziegenhain, in das erste Dorf, das heute Schwalmstadt heißt, mitgenommen und uns der Bevölkerung übergeben. Ich kam zu der Familie Kurz. Der Inhaber, damals ein 16 Jahre alter Junge in der Hitlerjugend mit dem ich später, als wir beide schon Großeltern waren, eine enge Freundschaft geschlossen habe.

Ich habe miterlebt, wie aus Allendorf „Stadtallendorf“ wurde; wie sich die Deutsche Gesellschaft mit der Vergangenheit auseinandersetzt; wie man in den Schulen den Kindern lehrt, dass Jesus auch ein Jude war; und dass die verschiedenen Hautfarben der Menschen keinen Unterschied zu uns bedeuten; dass alle Menschen gleich auf die Welt kommen; dass es Jahrzehnte gegeben hat, in denen in den Deutschen Landtagen keine Rechtsextremisten zu finden waren, auch in „meinem” Erfurter Landtag nicht.

Es gab nach dem Krieg in Ungarn, wo zwar ein Salonkommunismus – aber immerhin doch ein Kommunismus – herrschte, eine Beschäftigung, mit der man legal und ununterbrochen reisen konnte: das war der Außenhandel. Schnell bin ich darauf gekommen, dass ich da meinen Platz habe. Einen Weiblichen noch dazu: Hüttenwesen. Damit bin ich von Casablanca bis Lima und von Rabat bis Essen, überall hingekommen. Interessante Menschen, Gesellschaften und Länder habe ich kennengelernt.

Was ich mir als Kind – auch noch bei der Befreiung  8. Mai 1945 – immer gewünscht hatte, hat meine Tochter erreicht. Judit ist Konzertpianistin geworden. Ich habe damals nicht gedacht, dass ich meine Eltern und meine Schwester überleben werde, und dass ich über 90 Jahre alt werden würde und dass ich auf einer Bühne in Budapest, in einem guten Theater zum Tanzen auftrete. Ich habe damals nicht geglaubt, dass ich Bücher schreiben werde, die ungarisch, deutsch, italienisch und englisch erscheinen. Dass ich einen Film tanzen und spielen werde, der in Locarno, Sarajevo, Minsk, Budapest, Milano usw, verschiedene Auszeichnungen bekommen wird, und dass ich das Glück haben würde, auch noch mit 95 Jahren noch ein vollwertiges Leben führen zu dürfen.

Den glücklichen Schwindel der Freiheit – den Taumel des Glückes – kann man nie vergessen. Nur die, die es selber erfahren haben, alle Häftlinge, die wie ich (und mit mir zusammen) aus der unmenschlichen Sklaverei befreit wurden, kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl.

Ein Leben alleine ist nicht genug um davor zu mahnen, dass der Holocaust nie mehr vorkommen darf; dass ein Mensch den anderen verachtet oder unterdrückt, hasst, quält.

Die Mahnungen vor Antisemitismus und Rassismus müssen weitergehen!
 Erinnern alleine reicht hierfür nicht.

Mit einem gutem Gefühl kann ich heute daran denken, dass ich es mindestens versucht habe, gegen den Hass und die Angst in der Gesellschaft mit meinen bescheidenen Möglichkeiten etwas zu tun.


Budapest, 8. Mai 2020

Eva Pusztai-Bélané, geb. Fahidi


Deutsche Bearbeitung: Neithard Dahlen, Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer – e.V.