IAK :: Erinnern an gestern, Verantwortung für morgen

Stauffenbergstraße 13/14
10785 Berlin
Deutschland

Telefon:
Telefax:

URI: https://www.auschwitz.info/

Service-Navigation:
 
 
 
 
27.1.2025 Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau: Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Foto: ARD 

Rede Marian Turski – 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27.01.2025 in Oswiecim/Auschwitz

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Im Namen aller Überlebenden begrüße ich die Gäste, die geschätzten Gäste, die alle hier anwesend sind. Ich begrüße alle, die hier im Zelt versammelt sind. Ich begrüße diejenigen die zuhause sitzen, die uns zuhören und zuschauen. Ganz besonders aber richte ich meine wärmsten Gefühle und Gedanken an meine Gefährtinnen und Gefährten des Leidens, die ehemaligen Häftlinge. Heute begehen wir den internationalen Tag des Gedenkens der Opfer des Holocausts.

Es ist verständlich, dass die Menschen und auch die Medien sich an uns wenden als diejenigen, die wir überlebt haben: Damit wir Auskunft geben und unsere Erinnerungen teilen können.

Aber wir, die Überlebenden, waren doch immer eine winzige Minderheit. Wir, die wir damals die Selektionen überstanden haben, waren nur sehr wenige. Und diejenigen, die wieder die Freiheit erleben konnten, das war doch wirklich nur eine Handvoll von uns. Und jetzt sind nur noch ganz wenige von uns geblieben.

Deshalb denke ich, dass wir in diesen Minuten der großen Mehrheit gedenken müssen, der Millionen Opfer, die uns niemals sagen werden, was sie erlebt und gefühlt haben, weil sie vernichtet wurden.

Von ihnen erzählt ein Dokument, ein Gedicht: Dieses Gedicht spricht zu uns über die Opfer. Der Name der Dichterin lautet Henryka Łazowert. Sie war eine polnische Dichterin und eine vielversprechende Literatin. Sie hätte sich außerhalb der Mauern des Ghettos versteckt halten können, aber sie wollte ihre Mutter nicht zurücklassen. Wenn ich heute darüber spreche, dann merke ich, dass das, was mit ihr und vielen anderen geschehen ist, eigentlich außerhalb der Worte liegt.

Nur ein Teil dieses Gedichtes, von dem ich hier spreche ist erhalten geblieben. Henryka Łazowert war eine gutaussehende Frau, ungefähr 33 Jahre alt. Sie war als Dichterin bereits bekannt, als polnische Dichterin, sie schrieb auf polnisch. Als Jüdin war sie zur Vernichtung bestimmt. Sie hatte die Möglichkeit, sich auf der sogenannten arischen Seite versteckt zu halten. Aber sie wollte ihre Mutter nicht verlassen. Sie hat einen Brief verfasst, ein Gedicht an ihren Freund: Daraus möchte ich etwas zitieren:

 

Ich fahre irgendwo hin, sehr weit weg - Ein unbekannter Bahnhof,

der auf keiner Karte zu finden ist.

Über dem Bahnhof hängt der Himmel

wie ein großer schwarzer Deckel.

Die Lokomotive schreit wie ein Mensch, der geschlagen wird,

Die Eisenbahner haben Gesichter wie aus Papier...

Nur einen Koffer habe ich bei mir und eine Wehmut, die niemand zu ergründen versucht hat....

Ich bin sehr ruhig und - was man nicht sehen kann: sehr traurig

Leb wohl, mein so weit Entfernter,

Es gibt Herzen, in denen sich nichts ändert.

Ich bin schon nicht mehr da.

Nicht mehr da.


Ich bitte die Versammelten sich für eine Schweigeminute zu erheben. Ich danke Ihnen.

 

Liebe Freundinnen und Freunde.

Durch die 2000 Jahre, die unsere Zivilisation besteht, begleiten uns auch die vier Reiter der Apokalypse: der Krieg, die Seuche, der Hunger und der Tod. Die Menschen sind von Furcht überwältigt, sie fühlen sich gelähmt, vollständig hilflos. Was soll man tun?

Ich möchte noch einen Satz zitieren, der auch zu einem Lied geworden ist, das ganz sicherlich viele von Ihnen erkennen würden, sollte ich das Lied anstimmen. Keine Sorge, ich werde jetzt nicht singen. Ich möchte Ihnen aber vom Text dieses inspirierenden Liedes erzählen. Sein Autor ist Rabbi Nachman. Er ist bekannt als Rabbi Nachman aus Brazlaw, denn dort ist er begraben worden. Es war sein Wunsch, zwischen den Gräbern der Opfer eines Pogroms bestattet zu werden. Der Text lautet:

„Die gesamte Welt gleicht einer sehr schmalen Brücke – doch das Wichtigste ist, sich nicht zu fürchten.“

Sich nicht zu fürchten! Wir nehmen die Furcht in der gegenwärtigen Welt wahr, und wir beobachten sie auch hier und heute. Wir beobachten den Antisemitismus, der zum Holocaust geführt hat. Deborah Lipstadt benennt das als einen Tsunami des Antisemitismus. Es war ihr Mut und ihre Hartnäckigkeit im Kampf gegen die Holocaustleugnung. Und ihr Kampf war von Erfolg gekrönt. In London wurde der Prozess gegen David Irving gewonnen.

Fürchten wir uns also nicht davor, mutig aufzutreten. Auch mutig aufzutreten, wenn die Hamas versucht, die Massaker zu leugnen, die am 7. Oktober stattgefunden haben. Fürchten wir uns nicht, uns Verschwörungstheorien entgegenzustellen. Wenn gesagt wird, alles Böse auf der Welt rühre von einer Verschwörung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen her. Und hier werden Juden häufig genannt.

Fürchten wir uns nicht davor, die Probleme zu benennen, die die sogenannte „Letzte Generation“ quälen. Diese jungen Menschen bringen zwar die gesellschaftliche Ordnung ins Schwanken, sie stören das Rechtssystem, aber ein Richter, der hier ein Urteil gesprochen hat, hat sehr wichtige Worte gesagt: hier stehen vor uns diejenigen, die die Helden von morgen sind. Also fürchten wir uns nicht davor, uns selbst immer wieder davon zu überzeugen, dass man Probleme zwischen Nachbarn lösen kann.

Seit Jahrhunderten von Jahren sehen wir auf verschiedenen Kontinenten, wie Nationen, Nationalitäten oder ethnischen Gruppen, miteinander leben und wie zwischen ihnen immer wieder gegenseitige Vorurteile und Hass zu bewaffneten Konflikten geführt hat, die mit Blutvergießen endeten.

Zum Glück gibt es aber auch positive Erfahrungen, wo Menschen zu der Einsicht kommen, dass es keine andere Lösung gibt, als Kompromisse zu finden, wenn man friedlich und sicher zusammenleben will und das auch seinen Kindern und Enkeln ermöglichen möchte, den kommenden Generationen.  Ich möchte Ihnen zwei Beispiele aus Europa nennen: Deutsche und Franzosen und Polen und Litauer.

Und so wiederhole ich: Fürchten wir uns nicht davor, uns selbst davon zu überzeugen, dass man eine Vision haben muss. Nicht nur davon was heute ist, aber auch von dem, was morgen und in einigen Jahrzehnten sein wird.

Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Aufmerksamkeit.