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Gedenkveranstaltung für Auschwitz-Häftlinge Ernest Smilowski und Raphael Esrail in Ruppertsgrün.

Christoph Heubner, author, Executive Vice President of the International Auschwitz Committee and Irene Pimentel, historian, shed light on stories and traditions from the time of the Second World War. Photo: Michèle Déodat, IAK Berlin
Christoph Heubner, Executiv Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees führte in der Kirche durch die Gedenkfeier. Foto: Ralph Köhler  

19.11.2025

Rede von Julien Acquatella, Repräsentant des französischen Botschafters in Berlin

Lieber Herr Heubner,
Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des französischen Botschafters in Deutschland, Herrn Francois Delattre, möchte ich Ihnen für die Organisation dieser so wichtigen Gedenkveranstaltung danken. Diese Veranstaltung zeigt, dass die Erinnerungsarbeit auch heute noch, 80 Jahre nach der Befreiung vom KZ-Auschwitz, das Fundament der deutsch-französischen und der europäischen Freundschaft bildet.

Im Jahr 2019 hatten wir das Privileg, Herrn Raphal ESRAIL anlässlich der Veröffentlichung seines großartigen biografischen Werks „L’espérance d’un baiser“ (Die Hoffnung auf einen Kuss) in deutscher Sprache in der französischen Botschaft in Deutschland zu empfangen. Seit diesem Ereignis begleitet uns Raphaëls humanistisches Vermächtnis jeden Tag; diese unvergessliche Begegnung gehört zu den seltenen Momenten, die ein Leben für immer prägen, und sogar verändern.

Die miteinander verflochtenen Biografien von Raphaël ESRAIL und Ernest SMILOWSKI zeigen, dass es den Nationalsozialisten selbst im Konzentrationslager nie gelungen ist, die Menschlichkeit auszulöschen.

Aus den Berichten von Raphael ESRAIL und den Shoah-Überlebenden wissen wir im Gegenteil, dass das Menschlichste im Menschen, nämlich Hoffnung, Kultur, Kunst, Solidarität, Liebe und Freundschaft, es den Deportierten ermöglicht hat, zu überleben und das Unaussprechliche zu erzählen.

Angesichts des rasanten Anstiegs von Revisionismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus in Europa und darüber hinaus müssen wir uns an die Botschaft des Mutes, der Hoffnung und der Wachsamkeit erinnern, die Raphaël ESRAIL bis zum Ende seines Lebens vermittelt hat. Raphaël ESRAIL lehnte Fatalismus und Pessimismus ab und verbreitete stattdessen eine positive Botschaft, denn er glaubte an die Jugend und an unsere Fähigkeit, gegen revisionistische und antidemokratische Bewegungen vorzugehen, die unsere Gesellschaften heutzutage schwächen.

Mit seiner typischen Bescheidenheit wusste Raphaël ESRAIL, dass seine Zeugnisse keine Impffungen waren, die bei jungen Menschen gegen Gewalt und Ausgrenzung direkt gewirkt haben.

Sein Vermächtnis bestand letztendlich vielmehr darin, ein kritisches Bewusstsein zu vermitteln, nämlich das Bewusstsein, dass Frieden, Demokratie und Grundfreiheiten fragile und vergängliche Güter sind, die nur bestehen bleiben können, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger konsequent und entschlossen für ihre Verteidigung einsetzen

Abschließend möchte ich auf die grundlegende und wachsende Bedeutung von Archiv-Bestände und Gedenkstätten im Jahr 2025 eingehen. Während die Stimmen der letzten Zeitzeugen von Auschwitz verstummen und das Prinzip der Realität durch neue Technologien und die sie manipulierenden antidemokratischen und revisionistischen politischen Bewegungen in Frage gestellt wird, ist es wichtiger denn je, die Spuren der Vergangenheit zu beleuchten, zu bewahren, und historische Orte zu kennzeichnen.

Erinnerung ist Materie ; sie ist auch Topografie. Heute mehr denn je muss der Arbeit mit Archiven, aber auch der Schaffung von Orten im öffentlichen Raum, die den Opfern der Shoah ihre Identität, ihr Gesicht und damit ihre Würde zurückgeben können, Priorität gegeben werden.

Die großartige Forschungs- und Erinnerungsinitiative des IAK und von Volkswagen wird, so hoffe ich, Nachahmer finden, denn es gibt noch so viele Gesichter zu zeichnen und so viele Geschichten zu erzählen.

Auf diese Weise konterkarieren wir auch heute, 80 Jahre nach den Verbrechen, die Ideologie des Nationalsozialismus zur vollständigen Auslöschung von Identitäten, Körpern, Spuren und Erinnerungen.

Die Erinnerung gehört nicht der Vergangenheit an. Sie ist vielmehr ein dynamische und aktuelle Produktion, die es unserer heutigen Gesellschaft ermöglicht, sich der Gefahren, die ihr drohen, bewusst zu sein.

Es ist heute unsere Aufgabe, das Erbe der Überlebenden von Auschwitz anzutreten; dies ist eine Frage der moralischen Verantwortung, die die Grundlage unserer Rechte als europäische Bürgerinnen und Bürger bildet.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 
Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz-Komitee führte in der Kirche durch die Gedenkfeier. Foto: Ralph Köhler
 
Nach dem Grab des ermordeten Ernest Smilowski wurde viele Jahrzehnte gesucht. Foto: Ralph Köhler
 
Fast 70 Personen hatten am Buß- und Bettag in Ruppertsgrün an der Enthüllung der Gedenktafel für den ermordeten jüdischen Auschwitz-Hälftling Ernest Smilowski teilgenommen. Foto: Ralph Köhler
 
Sophia Klemm, Veli Güler, Mia Wagner und Franz Mühlmann (von links) gedachten der KZ-Häftlingen, die bei Ruppertsgrün erschossen wurden. Foto: Thomas Michel