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Pressemitteilung des Internationalen Auschwitz Komitees

20.11.2018

Stutthof-Prozess Münster: Überlebende appellieren an Angeklagten ehrlich zu antworten

 
 
IAK Signet

 

 

 

Zum bisherigen Verlauf des Stutthof-Prozesses in Münster gegen den Angeklagten Johann R. betonte in Berlin Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees:

"Die bisherigen Einlassungen des Angeklagten, die er mit seinen Anwälten gerichtsfest gemacht hat und die von ihnen verlesen wurden, sollen das Bild eines zutiefst naiven und hilflosen jungen Knaben vermitteln, der dem Geschehen des Konzentrationslagers um ihn herum völlig fassungslos und unbeteiligt gegenübersteht. Diese sehr bewusst eingesetzte  Haltung der Naivität als Mittel der Rechtfertigung und Verteidigung schiebt die grausame Realität der Opfer von Stutthof weg wie ein lästiges Detail. Auch in Stutthof galt die Tatsache, dass jeder Angehörige der SS, egal welchen Dienstgrad er bekleidete, egal in welcher Funktion er dem Lagersystem angehörte, immer Herr über Leben und Tod der polnischen und jüdischen Häftlinge war. Dies haben auch Überlebende von Stutthof im Gespräch mit mir immer wieder über viele Jahre hinweg bestätigt. Die Ausführungen des Angeklagten beim vorherigen Prozesstag gipfeln in den
Sätzen: "Es gab zwischen den Häftlingen und den Wachmännern kaum Berührungspunkte und daher auch keine mir in Erinnerung gebliebenen Spannungen." Solche Sätze kann man nur zynisch nennen. Den Überlebenden klingen sie wie Hohn in den Ohren.

Die Überlebenden appellieren an den Angeklagten, aus seiner selbstgewählten Naivität herauszutreten, von seinen vorbereiteten Texten abzuweichen und auf die Fragen des Gerichtes und vor allem der Nebenkläger und ihrer Anwälte einzugehen. Noch hätte er die Chance durch seine Aussagen im hohen Alter etwas zu Wahrheitsfindung über eine historische Epoche beizutragen. Seine Aussage kann uns deutlich machen, wie ein religiös erzogener junger Mensch von einem Tag auf den anderen in einer Mordfabrik als Mittäter funktioniert und wie er dann als erwachsener Mann, der glaubt seinen Prinzipien treu geblieben zu sein, funktioniert hat. Alle Überlebenden der Lager sind nicht an Rache, sie sind an diesen Antworten interessiert."

 
 
 

Für Rückfragen / for further Information

Christoph Heubner

Exekutiv-Vizepräsident 

Internationales Auschwitz Komitee

Telefon: ++ 49 (030) 26 39 26 81